Blog / Gaza-Berlin 2018

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AKTUELL

27.11

Letzte Probe bei der sich herausstellte, dass die Theaterremise wohl ein Ort ist jenseits des Internets. Nichts zu machen mit Gaza-Anskypen. Trotzdem sehr ergiebige Probe, die zeitweise in die Novemberkälte hinausverlagert wurde.  Probenvideos, die Tina mit dem Handy machte, zeigten später wie Erwachsene Menschen krampfhaft ein Handy umklammerten, vor dem ein anderer erwachsener Mensch herumturnte und inbrünstig Töne in einer Phantasiesprache einem weiteren Erwchsenen Menschen entgegen schmetterte. Der weitere Erwachsene im Handy antwortete mit ähnlichen LAuten und turnte wie eine Katze auf einem Tisch herum, der irgendwo in Gaza steht, wie sich später rausstellte irgendwo beim Red Carpet Festival. Hohes Maß an Begeisterung auf beiden Seiten des Mobilfunkgeräts. Befremdete Blicke von Nachbarn oder Müttern vom nahegelgenden Spielplatz ließen sich nicht vermeiden. MÖgen die Internet-Götter uns gnädig sein morgen. – was aber auf alle Fälle richtig ist und wichtig: Kommunikation mit allem was möglich ist- Händen, Füßen, Mobilfunkgeräten, ohne Balken, mit Tönen, Stimme, statt Sprache, aus tiefster Seele, um jeden Preis, und und und… morgen 28.11. 20 Uhr Schaubude Berlin.

26.7.

War gestern im Radio. habs aber verpasst un dnicht gehört. dabei habe ich ein so schönes Radio. eine kleine gelbe Ente. Wenn man ihr den Hals umdreht, spukt sie Töne aus, wenn man ihn weiter dreht, ist sie still. Und wenn man ihr am Bürzel rumschraubt, wechselt sie den Sender. es rauscht und britzelt und ab und zu kommt wer zu wort, dann bricht sich die Musik Bahn, es rauscht wieder… Da irgendwo zwischen dem Ächzen und klingen war ich also drin und habs nicht gehört. – Eh unfassbar wieviel Frequenzen sich da überlagern, wieviel Kanäle wieviele Töne fassen. Dachte früher, man könne so durch die ganze Welt reisen. Man überflöge alle Stationen, finge von überall her ein paar Takte und Töne auf und weiter ginge es durch den Äther… – Und von den Beamern kann man hoffen, dass sie einen noch gänzlich wo hin beamen. Mit Leib und Seele als Ganzes aufflackern und erscheinen lassen, wohin auch immer. an Welche Wand auch immer sie einen werfen. Ich glaube, deshalb ist mir unser Projekt so wichtig: Bilder (immer wieder neue) an die Wände einer alten Kapelle zu werfen oder auf eine hauchdünnen Vorhang, auf dass Leute die irgendwo im Gazastreifen festsitzen auf dessen Oberfläche erscheinen. In der kleienen protestantischen Kirche, ind er ich im SOmmer Theater gemacht habe, war das eine Zeitreise: Die alten Bilder mit den eigenen Vorstellungen verbinden, eine Ansichtssache. dass was im eigenen Kopf herumspukt will raus und an den Wänden ein Eigenleben führen, gesehen werden, ebenso wie die Ansichten, Erinnerungen, Visionen und Assoziationen von ganz anderen Leuten. Plötzlich stehen die im Raum stehe und man staunt und sagt: Ach echt? So siehts in deinem Kopf aus? wenn man doch rein könnte in die Köpfe…! oder eben raus aus dem eigenen!

DAs was wir am Mittwoch in der Schaubude machen werden ist noch mehr: es bedeutet Bilder, Vorstellungen, die man im Kopf hat, sausen zu lassen und Leute, von denen uns Welten trennen pötzlich für einen Moment aus ihrem eigenen WOhnzimmer zu holen in die eigene Theaterwelt – die auch wie ein WOhnzimmer geworden ist. DAnk an die Schaubude, dass sie das ermöglicht!

25.11.

Jamal erreicht! sobald man ihn erwischt gehen die Ideenfeuerwerke los. die Idee, dass wir sozusagen in sein Wohnzimmer hineinblicken wie observierende Außerirdische hat er zugestimmt (wüßte ich nur, ob ihm das auch behagt). er schlug schöne Lösung vor: dass die Szenerie in Kerzenlicht getaucht sein würde. die Leute um ihn herum, die Familie, die Kinder… sollten eher atmosphärisch im Hintergrund zu sehen sein, dazu der altnekannte STraßenlärm usw.  “Unserem Planeten ist das Feuer zugeordnet”. Schöne Metapher. Und gut im Falle, dass die Stromgeneratoren versagen. Wenn wir dann durch die Musik des Theremins versuchen mit Ihm Kontakt aufzunehmen, wird Jamal aber dann in den Focus rücken und kriegt extra LED licht. – so weit die Ergebnisse. vorgeschlagen hatte er sie aber mit den Worten “I will be seen only in candle light, but I will play totally naked!” (war aber nur ein Witz! Natürlich! ich erwähne es ausdrücklich zur KLärung,m Falle dass die  H ama s  immer noch meinen Facebook-Acount besucht.

24.11.

so schwer jemand in Gaza zu erreichen. dabei ist facetime eigentlich sonst immer mögich. vielleicht weil die sozialen Medien die einzige Tür zur Welt sind. Sorgen gemacht. nun hat sich aber doch endlich rusgestellt, dass die Unerreichbarkeit noch andere Gründe hat. das Red Carpet Festival findet gerade statt! es war für September geplant, aber nun ist es eben im November. kannn passieren in Gaza. Es ist das einzige offiziellere Filmfestival. alse es das erstmal stattfand, ich glaube 2015! [mehr zum Thema Kino in Gaza hier: Kino_verboten_NDJuni18_Gaza] und hier: TAZ_Sachs_Kino_Gaza_Interview] war noch alles in völliger Zerstörung vom Krieg 2014, man rollte den roten Teppich über Schutt und Asche, zwischen den Ruinen schlängelte er sich. Nun ist Jamal natürlich unterwegs, Kino gucken, organisieren. aber warum sagen die einem das nicht. Kann man doch verstehen!

23.11.

Der Tag beginnt mit einer traurigen Nachricht aus Gaza. aus Facebook. aus Gaza. Die kleine Tochter von Ayman, dem Musiker, der in der Mai-Vorstellung mitgemacht hatte, aber diesmal nicht, weil seine 6monate alte Tochter sehr krank ist, war, gestorben ist. ich kenne/kannte Aymans Familie nicht, aber das trifft ja wohl jeden, so ne Nachricht. Unvorstellbar, dass Kinder vor den Eltern sterben. dieses hatte ein Loch im Herz. bei Grey’S Anatomy werden solche kleinen Herzen immer unter viel Barmherzigkeit und medizinischer Kühnheit jenseits der krankenversicherungstechnischen Realität immer repariert.

21.11.

Tolle Probe. Max wurde geboren  aus einem Mandarinennetz, hieß Manfred, hatte einen Engel zum Bruder namens Michael, der ihm das Fliegen beibrachte mit einer weißen Schreibfeder, als er abstürzte war er ein gefallener Engel und wurde in ein helles Grablicht gesperrt. Er fuhr Raumschiff (das machen wir dauernd!), fand einen Weltraum-Tramper namens Theo, sie spielten Klingelstreiche mit unserer institutuinalisierten Tisch-Glocke und wurden ausgeschimpft von einem der jedesmal ein Jahr älter wurde, wenn Theo und Manfred auf die verbotene Klingel hüpften. Man verhörte ihn deshalb und sein Engelsbruder war enttäuscht. Er wurde wieder zurückgeboren in den Leib seiner Mutter, wurde später aber Alkoholiker und musste zur Strafe einen Vortrag vor Kindern halten über die Schädlichkeit von Bier.

schade nur, dass kein Internet im Probenraum. diesmal liegt es aber nicht an Gaza. oder Israel. Tina hat halt keinen Internetanschluß.

20. 11.

Witziges chatten mit Jamal in Gaza un dseinem Neffen Khaled, dem ich mal ein Stück von der Berliner Mauer geschenkt habe. sozusagen als Symbol, dass die DInger manchmal überraschenderweise zu bröckeln beginnen und wegfallen. wer weiß wann. Jamal fand sehr lustig, dass wir, wenn das BIld einfriert so tun, als ob wir dran rütteln und schütteln, bis es wieder weiter springt. er wollte mir dann auch  noch einen Vorschlag machen für eine Szene, aber wieder brach das Gespräch ab. allerdings  diesmal nicht wegen Internet sondern, weil es sehr spät war.

16.11.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

15.11.

früh mit Jamal geskypt. aber doch eine stunde später als geplant. er hatte wieder keine Verbindung gehabt. diesmal alleine, jenseits des probenraums. also unseres Probenraums. er war in seinem Wonzimmer, also der heimlichen Bühne von damals. gleich zu Anfang grinste er un dhielt sein Handy zum fenster hinaus. es sah aus, als wäre vor seinem Haus ein Hochseil-Akrobat zu Gange. es war aber jemand, der die Internet-Leitung reparierte. eine dünne Gestalt an einem Mast, auf ihm herumtanzend. ich verstand nicht ich war so verblüfft, weil die Straße  so leer aussah: wie ein verlassener Zirkusvorplatz. Er grinste und zeigte auf den Mann: “wir werden ein hervorragendes Internet haben… bald!!” Dann brach die Leitung wieder ganz zusammen. warum bin ich trotzdem glücklich? ich sah ihn heute nicht mehr, obwohl er geschrieben hatte “see you leter!” aber es war so ein schöner ruhiger Moment. unter sich. ich merke erst jetzt wie sehr ich ihn und Isra vermisse und vorallem die Töchter.

14.11.

Heute scheint Ruhe eingekehrt zu sein in Gaza. bin erleichtert, alle die ich kenne noch da sind.

Probe überraschend. stehe zwar wieder nur mit halber Technik da, aber die Probe selbst ist wie ein unverhofftes Geschenk. Marionettenartiges Szenario: Deeb in Gaza in Übergröße und ein vermeintlich winziger Max in Berlin sind wie Maschinist und Marionette, Computeruser und Avatar. Irgendwann kommt die Geige dazu und die Personalunion zerfällt in einen Violinisten ohne Instrument, Töne im Äther und einen Zuhörenden Max  der in zwei Welten zugleich ist.

ärgerlich nur, dass die technische Komponente so nervraubend ist. coitus interruptus. wäre nicht schlimm wenn man die Andacht, die Spannung halten könnte, in der man eigentlich ist. Man fühlt sich aus der Zauberbox geworfen und die Verbindung ist abgerissen, der rote Faden. für die Spieler, die warten, dass er sich wieder knüpft, ist das nicht so schlimm, aber wenn man ihn selber einfädeln muss. Suche nach dem Ende.

13.11.

Krank. Fühle mich wie 80. Fieberträume. Fliegende Weihnachtsbäume fielen auf mich. hatte mich in Lichterketten verfangen und rannte blind und Tannennzweigen verdeckt durch die Stadt W. stolperte und fiel in einen Teich. es blitzte, wegen der Lichterketten.

Böseres Erwachen: An Probe mit Gaza ist sowieso nicht zu denken. unsere Kollegen (zu denen wir die Liveschaltung machen wollen) sitzen mit ihren Familien in fremden Erdgeschoß-Wohnungen, in der Hoffnung, dass diese sicherer sind, als die eigenen. Niemand, den ich kenne ist verletzt bisher, aber die Angriffe sind die schlimmsten seit 2014. Beinahe wäre ich jetzt auch da. die Proben, waren eigentlich so geplant, dass mein Team in Berlin probt und ich in Gaza bin und dort probe, damit ich die andere Seite sehe und Technik hinbringe. den Sommer über habe ich allerdings so ziemlich alles vergessen in die Wege zu leiten und die Gazaproben schlichtweg “auf ein andermal verschoben”. komme mir jetzt wie ein Feigling vor, der kneift – oder ein Katastrophen-Junkie, der (zum Glück?!) was vertrödelt hat. (Vertrödelt hatte ich die Verlängerung meines israelishen Presseausweises). Die kleine Stadt W. in Mittelfranken war irgendwie wie eine Insel. Stadtflucht. Weltflucht. Daseinsberechtigung. Dort-Nicht-Seins-Berechtigung. Ich bin ja in W. auch nicht wirklich zur Ruhe gekommen, es war wirklich viel arbeit, aber in mir war ich ruhiger und sicherer. Paralleln zwischen Protestantismus und Islam enteckt (der evangelische Dekan dort sieht das freilich anders). evangelischer Determinismus und Glaube an vorherbestimmtes Schicksal  k ö n n t e  das Alah-Vertrauen der Muslime ähneln. Ruhig werden gelassen bei all dem Mist, der passiert. Morgen früh, wenn Gott will, wirst Du wieder geweckt. Inshallah.

28. Oktober.

Vielleicht muss diesmal die Musik aus Berlin kommen? die Töne, auf die man immer leichter reagieren kann, als auf das Bild, sind der Marionettenfaden, der heiße Drahn, die Verbindung. Musste an Battlestar galactica denken.

27. Oktober.

die Wiederaufnahme der Gaza-Proben, nachwievor via livestream, also von aus aus gesehen, auf der sicheren Seite, auf der Bühne der Schaubude.

habe heute mit Ayman gechatted. Er war beim letzten mal der Musiker. Die Musik, auch wenn die Übertragung schepperte, der Ton nicht optimal war, war eine starke KOnstante. die Musik ist immer die Musik, unmittelbar und direkt und unmißverständlich.  – erfahren, dass er Vater geworden ist. Seine kleine 4 monate alte Tochter liegt im Krankenhaus mit einem Loch im Herzen. es ist nicht daran zu denken, dass er jetzt probt. Und ich wusste nicht einmal, dass er Vater geworden ist.

3. Mai

Die Face-Time-Kommunikation ist schon ziemlich anstrengend. es rauscht es würgt, blechernes Scheppern, jeder muss jeden begrüßen, im Hintergrund hupt es und plärrt es (die Straßeengräusche von Gaza, der verkehr, in dem die Hupgeräusche der Autos die fehlenden Ampeln ersetzen, die Gemüsehändler-Megaphone, die billige Tomaten anpreisen (ich hilet e simmer für politische Agitation, Verhaltensregeln, Befehlsgewalt). die wahre Kommunikation findet erst statt, wenn man Pause macht. die Raucher zeigen sich gegenseitig ihre Tabak-Pakete, die jeweiligen Rauchen-Gefährdet-Bildchen. Auf dem hellblauen Pueblo-Päckchen vonLorenc sitzt ein mann an eine Heizung gelehnt und hält eine Frau, die sich die Seele aus dem Leib hustet. Gaza staunt über dieses Motiv: “Ohhh… Romantik!”, sagt Ayman. In Gaza undenkbar Mann und Frau so “Intim” auf einer Tabakpackung abzubilden.

 

Aufführung –

2.Mai

Bühnenprobe in der Schaubude Berlin. Leider wra uns das Betreten der Bühne selbst verboten, aber die Beamer-EInrichtung und die Projektion auf die fast leere Bühne war erstmal genug. DIe Leitung nach Gaza stand ziemlich schnell. Und brach ebenso schnell ab. irgendwie aber nicht schlimm. sollte das bei der Aufführung auch passieren, ruft man halt nochmal an. EInwählton klingt klasse!

dann zweilte Leitung, damit die aus Gaza auch sehen, wie sie in Berlin “rüberkommen”. von diesem MOment an begann das WUnder. JAmal und Deeb und Ayman erschienen. Durften das, was wir diesmal nicht durften, die Bühne “betraten”. Lebensgroße etwas verschwommene Gestalten standen plötzlich im Raum und schauten erstmal auf ihre Handys. Wirkte tatsächlich als wäre man im Transporter-Raum des alten Raumschiffs Enterprise. drei Typen starren auf ihre Tricorder. Konnte nicht anders: Vulkanischer Gruß. in die Kamera. es dauerte ein zwei Sekunden und die grüßten zurück! Live long and prosper.

SOund allerdings zunächst problematisch. Oder auch nicht! Die KLänge der Oud vermischten sich mit den STraßengeräuschen, dem Hupen, das in Gaza die fehlenden Ampeln ersetzt. dazu die Rückkopplung. Ich fands gut. der Musiker glaube ich litt. SPäter klang es besser. weiß aber nicht warum. Herzklopfen. Atemberaubend.  Ich weiß, ich wollte früher nie multimediales Theater machen. Aber das hier ist multimedial “In echt”. und anders gehts ja nicht in diesem Fall! Sehr berührende Probe. die sich zu einem Tanz steigerte, zum Werfen mit Gegenständen die von dort rüber geschleudert zu werden  schienen und sich in unseren HÄnden in anderes verwandelten. pazifistische Wunderwaffe im Kampf gegen SPielverbote.

 

1.5.

Nach längerer zeit wieder Facetime-Gespräch mit Jamal. geniale Eingebung: diesmal NICHT Englisch zu sprechen, sondern Gromulo. auch Jibberisch genannt. Phantasie-sprache. Hatte das Gefühl wir haben uns noch nie so gut verstanden wie  diesmal. hochinteressantes Gespräch über moderne arabische Literatur geführt… – denke ich. werds freilich nie genau wissen. Fühlte sich aber serh erleuchtend an.

 

REISE nach GAZA  – oder: wie bringt man einen Beamer in den Gazastreifen?

Über Spenden freuen wir uns sehr. jede Unterstützung zählt und wird direkt weitergereicht an Leute, die es brauchen können.
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BLOG  (Bitte VON UNTEN NACH OBEN lesen!  – oder chronologisch: hier)

2.4.

wunderschöner Ostermontag. kühl, aber sonnig. Sehnsucht.

Der Cogat (Coordination of Government Activities in denTerritories), der Cogat, der immer so schnell und geduldig die Mails meiner Beamer-Transport-Gesuche beantwortete, wenn auch mich immer wieder von Hinz zu Kunz weiterleitete und am ende nicht verraten wollte, wie die Öffnungszeiten der Grenze zu interpretieren seien, der Cogat also hatte Busunternehmen in Gaza vor dem 30.3. damit gedroht, dass diese verantwortlich gemacht würden, wenn Leute, die mit den Bussen zu den Grenzprotesten gefahren, dort randalierten oder gewalttätig würden.

31. 4. mit Ayman, dem Musiker gechattet. sehr wütend auf Israel. und die Welt solle sich endlich mal äußern. mehr über Politik geredet als über das mit der Musik. ob es möglich sei: ob er sich vorstellen könne, am 9.5. per Skype oder Livestream zugeschaltet zu werden. und zu spielen. Eventuell alleine, eventuell auch im Dialog mit einem/r unserer Musiker/innen. er kann. wenn es ein langsames Frage-Antwort-Stück wäre…

so schlimm die Ereignisse an der echten Grenze sind, um so wichtiger ist der Schritt über die virtuellen Grenzen, die Bandbreite, das Breitband. vielleicht ist es ja möglich. das Theaterspielen über Bande macht mir noch BAuchschmerzen, aber der Musik, Ayman traue ich es zu…

30.3.

War mit Jamal verabredet über den alten Mann und das Meer zu sprechen – auf Facebook. “We must talk about the fisherman…”  Aber dann schrieb er stattdessen nur knapp: “sechs Menschen seien tot.” ich verstand nicht. Und er war nicht sehr gesprächig.

Dann rückte er doch damit heraus: es hatte Proteste gegeben entlang der Grenze. gegen Israel, gegen das Eingesperrtsein. Später dann per  internet rausgefunden, dass tatsächlich 30 000 Leute demontrierten und es gab wohl mehr Tote als Jamal dachte: 15!

Stimmt es noch, dass es eher in Israels Interesse läge, einen Krieg wieder hochzukochen? Israel, dessen Präsident genug innenpolitischen Ärger an der Backe hat und dem etwas Ablenkung gut täte? eher als im Interesse der schwächelnden Hamas?

Zwangsläufigkeit. ist es nicht immer wieder das selbe, früh oder später?

25.3.

Jamal fragte mich ob ich mich über die Hamas beschweren mag, wegen des Verhörs und wegen der Zwangseinweisung in das teure Hotel. es ist nicht seine Idee. Human Rights schlägt es vor. Seltsame Vorstellung. fühle mich geehrt, aber es kommt mir falsch vor. die Frage wäre: darf man wenn man wieder hinfährt eher wohnen wo man will, wenn man sich beklagt oder wenn man sich nicht beklagt???

22.3.

Bei Radio 1 über Gaza gesprochen, aber nicht wirklich im richtigen Maß. Vielleicht weil die umzäunte Stadt so maßlos ist? Unsagbar chaotisch, kaputt, fassungslos hoffnungsvoll trotzallem. Zu viel. Zu wenig. – Wieso komme ich nie auf den Punkt? Alles wieder nur angerissen. Habe ich eben wirklich vom tobenden Leben in Gaza erzählt? Wie konnte ich den wilden Straßenverkehr schildern, aber nicht sagen, dass das laute Hupen, das Megaphon-Marktgeschrei, über das schreiende Elend wegtäuscht. Dass man die Armut gar nicht sieht! Dass die Depression hinter den Fassaden etwas ist, das niemanden der von auswärts kommt an-geht. Rückzug. Scham. Hunger. Es gibt zwar alles, und alles ist billig, aber es gibt auch Leute, die sind so arm, dass sie sich nur noch aus allem davonstehlen können. Man übersieht es, weil es nicht ins Auge springt. Und nun habe ich es nicht erwähnt und Sie, die das gehört haben, müssen denken, Ihr denkt, dass DAs alles nur eine bunte Mischung ist. – Mein Fehler! Wie konnte ich die Moderatorin nicht korrigieren, als sie sagte „Wenn man als Tourist nach Gaza kommt…“ Es gibt keine Touristen! Man kommt dort nicht einfach rein. Und das ist schlimm für die Leute dort, weil die wie abgeschnitten sind von der Welt. Sie aber hatte es angekündigt, als wärs der Nabel der palästinensichen Welt. Gaza-City. Es wäre doch Zeit gewesen, es plastisch richtig zu stellen, zu erzählen. Mir fehlen die Worte. Oder es waren zu viel. Wie ich den Wald vor Bäumen nicht sehe und den Punkt unter so vielen Punkten eben auch nicht, auf den man kommen muss bei fünf Minuten Sendezeit. Es sind sieben geworden. Versprochen waren zehn. Immer noch zu wenig.

17.3. Jamal schickte  probendemo!

 

 

 

 

 

4.3. unter dem Wellblechdach der Exithalle flötet ein unbekannter Vogel Laute in den Sicherheitsstreifen zwischen Gaza und Israel, ein heiser bitter-süßes Schmettern.

Der Taxifahrer, der mich zur Grenze brachte hat einen Bruder, der in Offenbach lebt. Offenbach ist überall. Auch kein Paradies.

Ich bereue meine Ungeduld. die Panik zu spät zu kommen, den Flug erneut zu verpassen (diesmal nicht wegen der geschlossenen Grenze, sondern weil wir Umwege fuhren) hatte mich etwas sauer gemacht. “Relax.” Mit der höheren Gewalt – ob sie Hamas heißt oder IDF kann ich mich abfinden, aber nicht mit dem zu spät kommen.  Warum habe ich die letzten Minuten nicht genossen, die Augen nicht aufgerissen? Ich bin auf den Grenzbereich zugerast, an den Bauten vorbei, die ich eigentlich hatte fotografieren wollen. Vor drei Jahren war ich hier im Geländewagen einer NGO gefahren. wir fuhren damals langsamer, weil ich die vom Artilleriefeuer ausgebombten Wohnblocks filmen wollte, die wie Gerippe im Niemandsland standen, einer neben dem anderen. Das langsame Fahrzeug hatte einen kleinen Jungen in Panik versetzt, den der Wagen wahrscheinlich an die Panzer erinnerte. Er rannte weg –  die NGO-Männer, die den Wagen angehalten hatten, hinter ihm her, weil sie ihn trösten wollten. der Junge lief noch schneller, stolperte, lief um sein Leben, etwas schief, denn sein Arm war verletzt, er hielt ihn an den Bauch gepresst, der andere Arm schlackerte beim Laufen neben ihm her. je mehr er Angst hatte, desto mehr wollte man ihn trösten. positive Rückkopplungsschleife von Wohl-Wollen und Falsch-Machen. Geld hilft da auch nix, vor allem wenn man es bereits ausgegeben hat, so kurz vor dem Rückflug.

Die zerschossenen Häuser sind inzwischen wieder in Takt. Nicht alle. Wenige stehen  noch leer, umringt von Müllkippe. Der Junge müsste jetzt an die 10 oder 11 sein. Hätte gerne gewußt, wie es ihm jetzt geht.

Die Grenze gut hinter mir gelassen.  Es ging recht schnell. Tadel wegen des sich nun tatsächlich auflösendem Pass. der geöffnete Koffer, der obwohl gut gepackt doch wie ein Müllberg aussah, es ging eigentlich gut. Zug in Sderot gerade noch geschafft. Dann Tel AViv Ha Hagana. Dann Airport Ben Gurion, am Ende hat es doch den halben Tag gedauert. Ich vermisse Gaza bereits. ich weiß, es ist leicht in einem übervölkerten LAndstrich das  Gute zu sehen, wenn man mal eben 2 Wochen da ist. aber das Provisorische Leben, das rege Treiben, die immer noch (anch all den Kriegen) vorhandene Zuversicht und Freundlichkeit sind großartig. ich weiß, dass ich die, denen es wirklich schlecht geht nicht gesehen habe. ich hätte den Teppich anheben können, der vor dem zerfallenen Haus hängt, hinter dem die kranken Töchter der Armen Frau im Irrsinn leben – ich hatte das Haus wiedererkannt, in dem ich letztes Mal war und nicht fassen konnte, was ich sah. ich habe es nicht getan und es auf “Nächstes Mal” verschoben. die Zeit war zu knapp. ich habe mich aus dem Staub gemacht.

Im Flugzeug, zwei Reihen schräg vor mir schaut jemand “Jenseits von Afrika” im Notebook. Ohne Ton wirkt der Film albern und verkleidet.  Musste an gestern abend denken: die Diskussion über Kostüme (sind Kostüme wichtig fürs Theater? Ist weniger nicht mehr?”), die so viele interessante Wendungen nahm… – weil sich herausstellte, dass wir von verschiedenen Begriffen ausgingen: Costume und Custom. Das vertauschte U und O katapultierte den Dialog in neue Dimensionen.

Robert Redfords Haar ist zu gelb.

Das Flugzeug wackelt. Achterbahn-Gefühle im Magen. Vor dem Fenster zieht sich ein blurorangeroter Streifen  dahin. gestresster Captain entschuldigt sich für unruhige Böen über Istanbul. Dazu dieser Himmel: schwarzs Wolken – über dem schwarzen Meer, über dem roten Faden der dunkelblaue HImmel mit nur einem Stern ( es handele sich um den Jupiter, sagte der Capatin, als er sich wieder meldet um Entwarnung zu geben.)

Ankunft in Tegel um 20:20. dann Odyssee in Richtung Berlin Lichtenberg. am Alexanderplatz  den Pendelverkehrsbus nicht gefunden und lauthals “Scheiß BVG” geschrien. vom anderen Ende des Platzes tönte eine alt-berliner Stimme “Jawoll!”.

3.3.

hatte das Hotel verlassen früh, aber die Zeit verflog. hatten eine Gernalprobe des Stückes geplant um 15 Uhr, Leute eingeladen, die Familie S. unter anderem. Arabische Gelassenheit machte mich wahnsinnig. Putzwut bekommen, Aufräumwahn. Nichts fertig, kein Sound installiert. Und nie sieht Jamal in den Text. Deutsche Pünktlichkeit hinter sich lassen. Kampf mit dem Mapping-Programm (das mich auch in Deutschland regelmäßg vor Aufführungen in den Wahnsinn treibt. So wenig Zeit! um 15 Uhr kommen Leute! der einzige, der bei der Sache scheint ist der Musiker, seine Ruhe tut gut. Schaffe es nicht alle auf einem Fleck zu halten.Warum beten sie dauernd? Und warum nicht alle auf einmal? manchmal stolpert man beinahe rein in die Verbeugungen gen Mekka. Möglicherweise sollte auch ich beten. zum Theatergott. Quelle der Ruhe. Tai Chi. Immer wenn wir anfangen wollen kommt einer und fragt ob ich Kaffe will. einfacher JA zu sagen.  es ist 14 Uhr. immer noch kein Durchlauf mit Musik. Um 15 Uhr kommen Leute! JETZT… alle beisammen “Wollenn wir essen?” – “LEUTE…! Um 15 Uhr kommen leute!” Deutsch geschimpft. es hilft manchmal. Authentizität. Kaffe verschüttet. die zu kleinen, zu vollen Pappbecher! Wir beginnen. – der STrom geht aus. Generator an. warum ist D. nicht da? er betet. wie kann er jetzt beten? Ruhig werden. es ist eine deterministische Religion. aber das ist der Protestantismus auch. Che sera sera. es ist drei Uhr. warum kommen die Leute nicht? die Shomars… – vielleicht doch noch sauer wegen des Ärgers mit der Hamas? und die anderen??? es stellt sich heraus, dass bisher keiner zur Generalprobe eingeladen wurde. war als spontanes Bescheid-Sagen im Haus gedacht. ich werde ruhiger… esse. Esse das Essen, das eigentlich hatte kaufen wollen wenigstens heute. die meiste Arbeit hat Isra. Isra, deren WÄsche sich in der Küche stapelt, weil die Waschmaschine nicht geht – ganz abgesehen vom STromproblem. Isra, die mir dauernd etwas schenkt.einen Pyjama leiht und Pantoffel, einen rosanen Pullover, eine orange JAcke, die ihren Kindern Armreifen kauft, die sie mir schenken müssen, zu viel, zu viel! nach dem essen Generalprobe.  Leider  Bezin für den Generator alle. alles wird gut. die Genralprobe wunderbar. Warum kamen die nicht eingeladenen Leute nicht?

Die eigentliche Aufführung um 18 Uhr kommt gut an. genießen kann ich nicht so recht. ich weiß nicht warum? weil ich mit Händen und Füßen hinter dem Lichttisch mich verbiege, Bilder zaubere, die in einer Leichtigkeit entstehen können, wenn Zeit wäre, wenn das Drumherum nicht so bombastisch wäre. die VIP-EInladungen, der Kostüm-Terror? Und ich finde nicht einmal das einzige Technikequippement, das ich eigentlich brauche: die biegsame USB-Taschenlampe, die Tarek mir geliehen hat.   ich halte die Minitaschenlampe mit dem Mund, sie wird zur brennenden Sonne im Insight-Kamera-Bild, glüht auf dem blauen knisternden Wasser, das einmal die Plastik-Umpuschelung der SOundanlage war. im Bild ertrinken. das schaukelnde Boot auf dem Jamals Fischerman liegt ist ein Kinderschuh, den er in der ersten Szene geangelt hat, vor der KAmera und in der Projektion sieht seine Sohle aus wie ein Boot. ich passe meine Bewegung den seinen an und alles ist wieder gut. ein Kinderspiel für Erwachsene. dann zur Meerjungfrau werden. the Mermaid, die hier alle Merry-Maid nennen. verbotenes Körperspiel gegen das man doch nicht wirklich sein kann, weil es nur eine Licht-Und-Schatten Phantasie ist, eine Virtuelle Umarmung. die gurgelnde, verschlingende, spuckende, singende Meerjungfrau verspricht dem Fischer das Paradies – das es nicht gibt. Ankunft auf der Ansicht einer Italien-Postkarte – und im Fischernetz eines fremden Fischers. Verstrickung und Maschendraht. es ist nicht das Paradies. Es ist Gaza. Und Gaza ist so gut wie jedes anderes Paradies, das keines ist.

Erfolg gehabt. das schönste was ich hörte war von jemand der sagte, er habe lange kein richtiges Theater mehr gesehen in Gaza und Film soweiso nicht, heute aber schon.   Unendlich müde jetzt. ABschied vom West-Östlichen DIvan. hoffte heute h eimlich doch hier schlafen zu können, aber Hamas-Mann war telefonisch nicht erreichbar und ohne sein Ja-Wort traute man sich nicht. Minztee im Hotel, schöne Gespräche mit K. große Visionen mit J.      S. happy about watching Real Madrid.

2.3. 2018

Ich scheine der einzige Gast zu sein in dem Hotel. das riesige Restaurant, ein WIntergarten-Seitentrakt, mit Hängepflanzen, unzähligen Sitzgruppen, erleuchteten Glasplatten-Fotographien und Ansichten des alten Gaza ist abends zwar voll, weil Leute hier essen oder Schischa (“Hubbli Bubbli”) rauchen, aber als ich das Frühstücksbuffet suchte fand ich mich allein in dem großen Saal und die Pracht wirkte mit einem Mal trostlos. Allein Unter der Wellblech-Überdachung gesessen und die Welt nicht verstanden. wieso muss ich hier sein? es ist nicht nur niemand im Speisesaal, auch die Rezeption ist leer, und die ach so wichtige Security läßt sich ebenfalls nicht blicken. die Fotos angestarrt, man kann sich in ihnen verlieren. einen Zauber hat das Hotel doch. es muss jemand gehören, der einen Liebe zu Fotographie und Film hat, beim Umherstreifen durch die leeren Räume weitere Projektoren entdeckt.

Jamal kam, holte mich zur Probe ab. heute leicht durchgedreht (ich), weil die Zeit nun wirklich dahinrast und wir uns immer noch mit Technischem herumschlagen und mit Produktionsdingen wie wichtige Leute einladen. zu viel in zu kurzer zeit gewollt. keiner hört mir richtig zu. als ich ausrastete und auf deutsch schimpfte wurde es besser.

1.3. 2018

Hamas las meinen Blog. Freuten sich, als „höflich“ bezeichnet zu werden. Nun aber übertreiben sie die Höflichkeit, indem sie daraufbestehen, ich müsse zur eigenen Sicherheit, die Gegend in der ich wohne verlassen. Luxuriöses Hotel Marna. Wenn man hineingeht springt ein Security-Gard auf. Hotel-Rezeption erstaunte mich durch die Anwesenheit eines alten 8mm-Projektors aus den 30er Jahren und durch die Tatsache, dass man seinen Schlüssel an die Ziffern einer großen Uhr hängt und nicht an die Rezeption. (kann ja jeder der anderen Gäste kommen und sich einen fremden Schlüssel nehmen!, denn die Rezeption ist nicht immer besetzt.) weil ich die Uhr anstarrte, erklärte man mir: „Das ist eine Uhr!“ die Uhren in Gaza gehen selten. Aber sie taugen als Schlüsselbrett.

Zimmer ist riesig, Bürpdesk mit seriösem Leder-Rollsessel und Minimaus-Lampe auf der Arbeitsfläche. Schon jetzt vermisse ich Isras und Jamals Wohn-Theater, die mint und lindgrünen abgeblätterten Wände an denen die Notstrom-LED-Kabel entlang kriechen, das Provisorische, das Leben.

Die Thermoskanne, die Isra mir gab, damit ich nicht so viel Tee bestellen muss in dem teuren Hamas-Hotel war silbrig und ihr Schnabel geschwungen – alles in allem eine Aladins Wunderkanne. Leider undicht. Jamal bestand aber darauf, so saßen wir im Treppenhaus bevor ich „abtransportiert“ wurde.ur Hamas vorgeladen zu werden, ist also nicht gefährlich, aber eben teuer. Jetzt habe ich eine ältere Thermoskanne , aber der Tee ist immer noch heiß und gut. Kekse gab man mir mit und Nüsse. Und jetzt sitze ich doch im überdachten Freilufftbereich des Garten und trinke Limonade und warte auf die Grillplatte, die man mit der Ipad-Speisekarte digital bestellen kann. Die Wahrlosigkeit, denn ich kann nicht glauben, dass all dies nur zu meiner Sicherheit geschieht. Man hat mir erlaubt tagsüber zu arbeiten, bis 8. dann muss ich ins Hotel. Völlig idiotisch. Entweder ist es gefährlich, dann ist es doch wohl gefährlicher, wenn man dauernd mit dem Taxi durch die Weltgeschichte fährt und den extremistischeren Randgruppen oder gar den Daesch-Leuten (dem zum Glück nur spärlich vertretene IS) Angriffsfläche bietet. Die Unlogik dieser Maßnahme führt zum Verdacht, dass die höfiche Hamas vielleicht doch einfach nur die Wirtschaft stärken will, und zwar die, die Steuern an sie bezahlt.

Der Tee ist immer noch heiß, es ist früh morgens um 6 und ich gebe zu, dass die Ruhe der Hotelsuite durchaus auch was hat. Ich war jetzt 2 wochen lang ununterbrochen immer von Leuten umgeben. Selbst wenn ich mich zum Mittagsschlaf in mein Vorhangsverhangenes Bühnen-Zelt gelegt habe, auf die Matratze mit dem Decken und Kissenberg, sozusagen auf meinen West-Östlichen Divan! – selbst dann huschte meistens das Kind durch den Vorhangschlitz und kuschelte sich dazu. Es ist immer jemand da. Eigentlich auch jetzt: Auf der Terrasse liegt eine Katze auf dem Kissen eiens Korbsessels, ausgeblichener braunton, der jetzt hell ist und dem Fell der Katze gleicht. Palmen grau grüne Wedel durch die sich Wasserschläuche Schlängeln wie Giftschlangen. Rohbauburgen weiter hinten. Es ist seltsam ruhig, bin auch nicht geweckt worden vom Krähen der Hähne oder dem Morgengebetsruf. In was für einem Touristen-Elfenbeinturm bin ich hier gelandet?

Ein leichtes Dröhnen liegt dennoch in der Luft, Drohnen?

Die Rundum-Elektrizität nutzen, dabei könnte ich einfach nur schlafen…

28.2.

heute früh, ohne frühstück, noch den wirren Traum im halben Hirn, vorgeladen worden, nun doch bei der Hamas vorzusprechen. klingt dramatischer als es war. höfliche Hamas (wenn man davon absieht dass sie den Frauen nie die Hand schütteln), mit unhöflichen Fragen; nachwirvor findet man, dass es sich gehört hätte, dass ich in einem Hotel übernachte. zu meiner eigenen Sicherheit. Erleichterung, weil Mißverständlichkeiten geklärt. schwarze Springerstiefel auf filigranem schwarz-weiß MArmor. Hatte ich mir anders vorgestellt. später beim MInisterium für Kultur interessantes Gespräch über das Fehlen von Kinos im Gazastreifen. aber es fehlt so viel. Und alles nur eine Sache von Angebot und Nachfrage? erstmals hungrig gewesen heute. dann aber Früchte im rosanen Mädchenzimmer der Familie S. Elektrizität verpasst. Aus Bankautomaten kommt selten Geld.

28.2.

Der Gleichmut ist weg. Der Flug den ich verpasse ist egal. Dass die Grenze dicht ist, hat mit Israel zu tun und ist (jedenfalls zum Teil) eine Feiertagsangelegenheit. es ist wie es ist. Was mir aber gestern den Boden unter den Füßen wegzieht, ist die Tatsache, dass die Hamas gestern sowohl Jamals als auch einen Sohn der Shomars verhört hat. wegen mir. warum ich erst hier wohne, dann da? Dabei hatte ich das im Vorfeld angegeben. 100 $ dafür gezahlt!

27.2.

und jetzt ist die Grenze dicht. heute morgen. übermorgen und auf alle fälle dann, wenn mein Flug geht. dafür seltsamer Anflug von fatalistischem Gleichmut. che sera sera. Inshallha.

26.2.

Nach langem festsitzen in der Wohnung von Jamals Familie endlich nachts kam die Elektrizität und der Beamer warf Bilder an die Wand. die erste ruhige Probe. Ohne Telefonanrufe, ohne plötzliches Schnell-Zum-Supermarkt, ohne Familienbesuche, ohne Essenspausen. die Probe ging bis zwei Uhr nachts. und wir waren so überrascht, dass es so spät geworden war. der Zauber der Objekte, der Tanz im Fischernetz, der Spaziergang eines blinden in der Schmuck-Variante einer Taschentuchspenders, das Trommelwirbel auf dem Leinwandfüllenden und dochwinzigen Legostein… endlich funktionert das eigentlich wesentliche: eine Verbindung imTheaterspiel.  Das weshalb ich hier bin.

Und genau diese späten Theateraugenblicke veranlassen Hamas zur Frage “Theater? In eigenen vier Wänden? spät nachts? was läuft denn da noch?” – HImmel Arschund Zwirn, zahlt Eure Stromrechnung! dann kann man auch tagsüber arbeiten!

25.2.

Die brav singenden Mädchen in der Luigi-Nono-Musik-Schule – die nicht so heißt! Ich mißverstand es. Sinono-Musikschule heißt sie, nach einem Vogel der nicht vom Fleck kommt, oder doch sich aufschwingt, aber immer wieder zurückfliegt zu seinem Ausgangsort. Ein Gazastreifen-Vogel.

Gespräche auf dem Rückweg mit Alia über das Nicht-SIngen-Dürfen.

Angst, dass der Beamer zu schnell ausgeht, wenn die Elektrizität ausfällt und die Lampe bricht. es wurde nun ein Generator geliehen, der mit Sprit betrieben wird. das macht uns flexibler, aber auch unkonzentrierter. Und das viele Drumherum macht mich wahnsinnig. soviel Zeit damit vertrödelt, weil ich eine Hose kaufen musste, weil meine einen Riss hat. ich hatten ihn kaum bemerkt, er ist an einer Stelle… – von der ich kaum fassen kann, dass sie überhaupt anderen ins Auge fallen KANN. ich kann machen was ich will, ich seh wohl immer schäbig aus. oder die Haare soll ich mir kämmen. und wenn ich dann, weil es einfacher scheint, meinen Schal überziehe, finden sie, dass ich mich nicht verstellen sollte. ICH müsste ja kein Kopftuch tragen.

NUn habe ich also eine Jenas, die alle gut finden, neu ist sie. Designer.Risse hat sie. Und das stört nun wieder nicht!

wieder diese Hitler-Gespräche. Alle sind sie der Meinung, der Holocaust sei nicht so schlimm gewesen. der einzige, der Hitler schlimm findet, ist Jamal, der mir rechtgibt, dass all das schlimm gewesen sei. (ich widerhole ja immer wieder alles!) aber gerade er fragt mich dann völlig unbefangen, ob denn die Leute in Deutschland Hitler mögen. ich frage: “Was glaubst Du?” Er meint, ja, dass wir ihn mögen.

Deutschland muss an seinem Selbstbild arbeiten. das kommt doch nicht von ungefähr. Man mag uns! – weil wir “Junden verbrannt” haben??? Und wundert sich, dass wir damit ein Problem haben?! (als ich versuchte zu sagen, dass Hitler die Juden nicht verbrannt hat, sondern vergast, ausholen wollte zur Erklärung wie viel schlimmer die PLanmäßigkeit und die Ausbeute durch die KZs war, die Nutzung und weiterverarbeitung der Leichen… blieben die Leute schon hängen beim Satz: er habe die Junden NICHT verbrannt. NIcht? ja, das höre man ja auch immer: HItler HAT gar nicht soooo viele Junden getötet. Und . Und wenn: dann haben die Juden ihn dazu gebracht, sie zu töten.

Es ist nicht weit von dem Kreisverkehr mit der Symbolischen Rakete in der Mitte, die nach Israel zielt, eine Ecke weiter von Jamals Wohnung: Dort über Laden gestolpert mit Namen „Hitler“. Früh um halb neun hat Hitler noch zu, aber gegen 11 öffnet er die rote Eisentür auf der die Buchstaben mit silbernem Gaffer Tape geklebt sind: H – I – T – L – E – R . Dann verkauft Hitler Herrenbekleidung. Sportliches, Pullover, Lederjacken. War erschrocken. Das Konsum-Statement reißt mich aus dem Rausch, dass hier doch alles so toll scheint. Keine Zeit den Laden zu sehen. Morgens ist er zu, tagsüber ist Theater angesagt und wenn ich abends zurückkomme, wäre zwar Zeit, abe rihc bin zu müse – Dann glüht die rote Leuchtreklame in der Nacht und die Schaufensterpuppen steher starr vor dem Laden wie Bodygards. Einer hat keinen Arm.

Schaufensterpuppen haben in Gaza überhaupt was unheimliches. Viele haben Schmisse im Gesicht, unter den Augen blättert der Lack, die fehlenden Glieder stammen möglicherweise von nächtlichen Hamas-Aktionen, die schlagen manchmal auf die Puppen ein, weil die Körper zu viel Haut zeigen.

Fischgeschäft mit EIstruhen voller Fische und ein paar Hühner in Käfigen. der Inhaber (eigentlich ist er es nicht, aber behauptet es mal eben) ist stolz darauf, dass sein Fisch aus Argentinien importiert ist. Unglaublich. weil die Fischer nur 3 km weit hinausfahren dürfen und deshalb zu wenig fangen, oder nur Kleines. der Fisch fährt auf Containerschiffen nach Israel und darf dann oftmals nicht gleich “einreisen”. dann fliegt er auf den Müll. Fisch aus Argentinien, obwohl man ein Meer hat. KLingt nach Asterix und Obelix. der Fischhändler, der immer faulen Fisch hat. irgendwann kommtm raus, dass er ihn aus Paris bezieht, weil er das schicker findet als ihn selbst zu fangen am Meer.  Na ja der Vergleich hinkt.

24.2. 2018

Der Mann mit dem Eselkarren, klopft auf den Sitz neben sich, der wäre frei für mich. Ich sah ein bißchen zu lang hin auf seinen HIntern – den des Esels, nicht auf den des Mannes, auf die türkisgrüne Farbe, die er hier und da auf dem struppigen weißen Fell hatte.

Schon war er abgesprungen von seinem Karren, die Peitsche in der Hand und fängt an, auf mich und Jamal einzureden; höflich, freundlich. Bekomme später erklärt, er habe wissen wollen, woher ich käme. Jamal hatte offensichtlich gegrinst und  „China“ gesagt, Der Mann war anderer Meinung. Jamal lenkte ein, „Maybe Europe“ – „Ahhhh Europe…, ja davon habe er schon gehört, aber wo sei das denn, dieses Europe? Jamal zuckte die Schultern, bis dem Eselfahrer einfiel, er kenne eine Frau aus Europe und die habe ihm mal Geld versprochen. Ob ich vielleicht zufällig bekannt sei mit der?

Ich bin vielleicht selbst so eine Frau. Schon meine Anwesenheit verspricht Geld. Aber ich hab ja kaum etwas. Ich dachte, ich komm her und wir finden ein paar Gemeinsamkeiten, denken über Projekte nach… und nun bin ich schon in einem. Schwimme in fremden Meeren, fische in ihnen. Hemingway in Gaza. der alte Mann und das Meer….  am 1. 3. eine kleine Trailer-performance. Soll am 2.3. nach Ramallah zum Goethe-Institut. Wie kam das doch alles gleich? Ich wollte doch nur einen Beamer herbringen. Und dann mal sehen…

ich bringe viel ins Rollen, habe aber gerade das Gefühl unter die Räder zu geraten.  Gestern noch so glücklich gewesen über die Bühne, die in Jamals WOhnzimmer entstand. WO wir vorgestern noch saßen beim ersten Tee, sind jetzt schwarze Vorhänge, die die SPielfläche einkleiden.  Gestern war es das Wohnzimmer von Jamal, in dem lag meine Gästebett-Matratze, auf der ich schlafe. Jetzt ist es eine Studiobühne mit Licht, von dem ich als Probenort in Berlin nur träumen kann. Und ich träume! Ich träume auf einer Matratze, die auf einer Bühne liegt, die in einem Wohnzimmer steht, das im Gazastrafen ist.

23. 2. 2018

abends an der Uferpromenade entlangegangen mit Jamals Familie, auf den Rückseiten der Steinbänke, die aufs giftige Meer blicken stehen die Namen der Städte “außerhalb”, die zu denen man nicht kann…

Taxifahrt durch die Nacht. Wir drei Erwachsene hinten, mit jeweils einem Kind auf dem Schoß, vorne saß schon ein Mann, ebenfalls mit SOhn. die Gurte benutzt keiner. Der Fahrer hatte einen Platz für sich, aber wenn er kuppelte spürte ich es in den Füßen. Geborgenes Anheimfallen. “don’t worry. No Problem!” bekomme ich dauernd gesagt. aber ich habe eigentlich das Gefühl, dass ich mir am wenigsten Sorgen mache… – Allerdings der Beamer. das ist ein Problem. man muss ihn gut herunterfahren, sonst wird die Lampe nicht gekühlt. da man aber nie weiß, wann der Strom an und vor allem wieder ausgestellt wird, kann der beamer überhitzen, wenn er keine Elektrizität für die “Nachkühlung” hat. Überhaupt…. zu den probenzeiten haben wir noch nie etwas tun können, weil nie STrom da war. Auch ein Grund, warum ich zu Jamals Familie umgezogen bin. im großen WOhnzimmer, das aussieht, als wäre es ein Tschechow-Bühnebild, den dünnen Vorhang gespannt, die Leinwand. in der Nacht entstand erstmals der Zauber. Jamals Kinder spielten in den Projektionen und legten Gegenstände vor die Kamera. die Mädchen brachten Puppen – in deren Haarpracht, sie schlafen gehen spielten, der Junge einen Panzer. sah gut aus. Welcome to Gaza.

Der Junge ist 12, sehr freundlich, sehr witzig Und spielt eigentlich eher nicht  mit Panzern, sondern lieber Fußball, ist Tony-Kroos-Fan und liest “Harry Puter”.

22. 2./23. 2. 2018

Der freie Tag. Freitag. Käufe auf dem Markt. Es ist schwer zu erklären, dass die Armut, die Arbeitslosigkeit, der Zusammenbruch der Versorgung der NGOs , die fehlenden Medikamente eine Realität sind, aber die Märkte, die EInkaufsgassen strotzen vor bunter Pracht und irrsinnigem Choas. Die Süßigkeiten, die man in Tüten schaufeln kann, die schillernden Fische, die so prall und blau schimmernd sind ( höchstwahrscheinlich giftig sind, wenn nicht gar radioaktiv), Der Rochen der mir hingehalten wird, die Kaninchen in den Pappkartons, die Ausdünstungen, der hühnerartigen Vögel, über die deutsche Tierschutzvereine weinen würden, die Kleiderberge, die Hügel von Obst. Der rotgesichtige Mann zwischen den rosanen Runderhälften,Die Motorräder mit den EInkaufs Plastiktüten hinen drangeknotet. Unsere Einkäufe (aber ich darf wieder kaum etwas bezahlen davon): Grillkohle, Kohlköpfe, Süßigkeiten, eine Zahnbürste, Tüten von Mandeln und frittiertem Korn, die Kräutertöpfe, die Orangen, von den drei Paar Socken ganz zu schweigen wurden im rostigen Einkaufswagen zurückgeschoben von ein paar Jungs. All das war fürs Grillen: Draußen in der Nähe von dem Kulturzentrum, das Jamal baut. Unter noch trockenen Traubenstöcken gesessen, deren  knotige Zweige in einenader greifen und sich dahinziehen über das ganze Feld. Das Grillen war schön, nur dass es mir langsam doch ans Eingemachte geht, dass es den Leuten nie genug ist, was ich esse, was ich in mich reinschaufle, nie ist man zufrieden mit meiner Nahrungsaufnahme. Man macht sich Sorgen, dass es mir nicht schmeckt (“Yes, very very good!”, dass ich verhungern könnte, dass ich vielleicht nicht zufrieden bin. Wenn man es aber zu often versichern muss, beginnt es auf den Magen zu schlagen. Schon zweifele ich daran, ob ich mich nicht verstelle? was man einmal sagt ist ehrlich, wenn man es zu oft wiederholt kommt es einem vor wie eine Floskel. Die Suppe gestern bei der Familie des anderen Mitarbeiters von Jamal, zu dessen  Familie ich unerwartet geladen war, ohne zu wissen wie mir geschah, plötzlich und goldgelb vorhangsdurchstrahlten WOhnung stand – die Suppe schmeckt so gut, fremd und ich hatte gar keine Ahnug, aus was sie bestand. Weil mir der Gesprächsstoff ausging hätte ich fragen mögen, was es ist, aber kaum mehr aufnahmefähig, wagte ich es nicht. vielleicht wäre es etwas gewesen was das Fass zum Überlaufen hätte bringen können, Kamelmilch mit Euterfetzen oder so, wer weiß. es schmeckt toll, aber sobald dir bewuß wird, was es ist, bricht sich das “zu viel des Guten” bahn.  (“Schmeckts?”) das Wohnzimmer war voll, man saß um den Tisch, aber stand auch. zu wenig Stühle,  Die Brüder: von zwei Jahren ( im Supermanartigen Trainingsoutfit, ca. 15 (im Batman-T-Shirt), 17, bis ausgewachsen. die einzige kleine Schwester. Die Mutter sah jung aus. Die fruchtbare Wohnung in goldtönen schien Oase, im Wohnzimmer türmten sich dann noch die Früchte zum Nachtisch… – Wäre nur nicht wieder die Hitlerfrage gefallen, wie schön wärs gewesen! Meine Antowrt ging etwas unter. Ich beließ es bei „He was the worst. Really bad. The most evil of all evil“. Erklären gewollt. Ob es aber hilft den Palästinensern zu sagen, der Hitler habe nicht nur die Juden vergast, sondern auch andere ethnische Gruppen,  und wenn es Palästinenser gegeben hätte, wärs denen nicht besser ergangen. „He would have killed you too!“ – sagt man das, wenn man gerade die Gelee-Praline ausspackt?

Nachher Blick von einem Rohbau-HOchhaus weit über den Gazastreifen. in der NÄhe stand eine staubige Pepsi-Cola-Fabrik. Und ein seltsam ordentlicher Friedhof. weil ich fragte (weil er so anders wirkte), bekam ich ihn gezeigt. Es war ein Friedhof für die  Kriegsopfer. Ich verstand nicht. die Gefallenen der letzten Kriege? SO groß war der Friedhof nun auch wieder nicht. “Nein, World War I  and WOrls War II” ENgländer, Franzosen,  auch Deutsche.  jeder Grashalm wird hier gepflegt, FAmilien kommen hier her. Ich verstehe die Welt nicht mehr. haben sie nicht genug eigene Kriegsopfer? Nicht genug vom Tod? was war da überhaupt los währen der Weltkriege???

WIkipedia sagt: “Nebenkriegsschauplatz”, “Palästinafront”, “deutsches Asien-Korps”. Gegen die Ägypter und ENgländer. Türkische 8. Armee (unter General Kreß von Kressenstein) verteidigt erfolgreich die Linie Gaza über Tel el Sheria bis Beerscheba. Zwei britische Vorstöße auf Gaza im März und April 1917 endeten in Grabenkämpfen und einer britischen Niederlage infolge der geschickten Verteidigung der türkisch-deutschen Truppen. Die Erste Schlacht um Gaza (26.-28. März 1917) wurde zu einem Fehlschlag, da Murrays Stellvertreter General Charles Macpherson Dobell die Kavallerie kurz vor dem entscheidenden Durchbruch zurückrief. Auch der zweite Angriff auf Gaza (17.–19. April) endete erfolglos, woraufhin General Chetwode Dobells Posten übernahm und Murray am 28. Juni 1917 durch General Edmund Allenby ersetzt wurde.

“Allenby” – den hatte ich auch schon googeln wollen, nach dem ist die große STraße zum Meer benannt, in Tel Aviv, von da fuhr mein Sammeltaxi.

Als der 2. Weltkrieg, meldeten sich  von hier 21000 Juden and 8000 Palästinenser freiwillig, um die Engländer gegen HItler zu unterstützen – obwohl die englischen Besatzer selbst eigentlich der Feind waren.

Zwischen Pesi-Cola und den Zypressen des Friedhofs ging die SOnne unter. erstmals doch gefroren. sehr müde.

23. im Halbschlaf noch gehört, dass jemand zu Besuch kam. In der früh wurde der Kuchen aufgetischt. Der größte, den ich je aß. Schokolade, ein bißchen wieTart aux Chocolat plus Keks, aber wie ein überdimensionaler Pudding mit Rosa Sahnehäubchen. Weich und saftig, klitschig und cremig. Alles gleichzeitig.

21.2.

Alter Mann mit lachenden Augen, der das selbe Taxi nimmt wie ich, verteilt Waffeln im Auto und lacht. Draußen fliegt die Stadt vorbei. Märkte, Schulmädchen mit weißen Kopftüchern, Fähnchen in schwarz-rot-grün, die über die Straßen gespannt sind. Der Mann mit dem Pferdekarren voller Grünzeug, den ich gerne fotografiert hätte, aber er wollte nicht – der Mann im LKW dahinter der zum Fenster hinausrief „Take me, take me in a foto“. Der struppige Esel, der die Ruhepause nutzt aus dem Müllcontainer zu essen. die Kamele angebunden neben der Autowerkstatt; das neue Luxux-EInkaufscenter, in dem ich mich weigerte etwas zu kaufen und daraufhin in einen Laden für traditionelle Stickerei geschleppt wurde. Auch muss ich wohl einen Pyjama kaufen, denn man fand im Hause Shomar, dass ich schlecht angezogen ins Bett gehe. (Aber wie soll ich schlafen in so dickem rosa Plüsch UND PlüschdeckeN! Der viele Fisch, den ich ganz alleine essen soll. Die wunderbaren kleinen Zitronen, die man mit Schale essen kann. Die schönen Töchter, die so anders aussehen, wenn sie ihren Schleier umtun. Die Seidenstrümpfe der Frau, fast ungesehen,weiß zu schwarzer spitzen auslaufend, in richtung Zehen. Aber das ist später. ich bin immer noch unterwegs in der Stadt, in ein weiteres Taxi gesetzt worden zu einem Taxifahrer der kein englisch kann und deshalb auch nicht versteht, dass ich sage, dass ich ihn nicht verstehe. Beide reden wir in unsere Sprachen. Das Ziel: Jabalia / Garage Auad /Familie Shomar. Merken wollen hatte er sich nur Familie Shomar. Er sagt es dauernd vor sich hin um es nicht zu vergessen und es ist das einzige, das ich verstehe von dem was er sagt. So fahren wir von Gaza nach Jabalia und halten viel, denn er fragt an jeder Ecke nach Abu Shomar. Irgendwann beginnen die Leute Shomar zu kennen. Meine Angst, bei andreen Shomars zu landen. Die Ruhe des Taxifahrers bei all dem beruhigt allerdings. Es ist eine langsame Fahrt durch Gaza. Um so mehr sehe ich. mehr Esel, mehr Motorräder, mehr Moscheen, Micky Mäusse an den Straßenwänden manchmal ist es fast zu viel.

Auch die Shomars waren wieder viele. Der Onkel, diesmal samt ganzer Familie. Und ein Tisch mit Bergen von Essen. Ich war zu spät, das war klar.

Wummern und leichte Druckwelle. Ist aber „Nur ein Versuch“ Rehearseling. „Try the bomb“. – Offensichtlich war auch der Raketenbeschuß auf Sderot, an dem Tag als ich da war kein wirklicher. (Es wußte ja auch keiner in Sderot, wo genau die Rakete eingeschlagen hatte). Hamas schießt momentan wohl des öfteren in die Luft, löst Alarm aus, aber es passiert nichts. Reminder. We are still here.

Andere schätzen, dass der Krieg, der angeblich in der Luft liegt, nicht ausbrechen wird. Hamas kann ihn sich nicht leisten. Las gestern Ähnliches in der Best-Of-Internet-Zeitung Al Monitor.

Djabalia, Gazastreifen, 20. Februar 2018.

Die Stadt hat sich verändert. Seit 2015.

Wenn ich sage, dass sie üppiger wirkt, aus allen Nähten platzend, berstend, pralles Leben scheint, ist das mißverständlich. Und vielleicht denkt man dann, dass es nicht nötig ist, Geld zu geben (und es ist gar nicht so leicht, Geld „richtig“ zu geben, denen, die es nötig haben, weil gerade die nicht fragen.) Es gibt nicht mehr so viel zerstörte Häuser. Es wurde viel gerichtet. Alles Fassade?

Früh aufgestanden, werde abgeholt und fahre Taxi. gleißendes Licht, Märkte, bröckelndes Graffity an Sandsteinwänden, jagt vorbei, Arafat. Scheich Jassin. Immmer wieder Arafat, ein wenig ausgeblichen, seltsamerweise auch viele Micky Mäuse. Am Gebäude der Authority für Versorgung konzeptionelle Mauerbemalung von Wasserhähnen, die einen Knoten in der Leitung haben und comicartige people die davor stehen und die Hand nach einem zittrigen Tropfen ausstrecken. – Mittelinsel des Kreisverkehrs ziert eine Rakete, die nach Israel zielt. An den Panzer gedacht in der Straße des 17. Juni. Als Kind den immer unheimlich gefunden. Denkmal? Mahnmal? Drogebärde. Die Rondell-Rakete jedenfalls ist klares Statement, immezu zielt sie. –

Die Märkte, die Autoreperatur-Graragen, sie sind so wichtig, wer würde schon ein neues kaufen wenn das Auto kaputt geht; die Tankstellen, manche halb berdacht gigantisch große Betonarchitektur, mit bedrohlichen Zapfsäulen, manche wie abgebrochene schwarze Zähne; die hupenden Autos, fast alle funktionieren als Sammeltaxis, Eselkarren, Motorräder mit Palituchüberzug, darunter der nackter Rost – Naked Bike hat hier andere Bedeutung – auf einem saß eine ganze FAmilie. Marktzeilen. Spalierstehende Schaufensterpuppen, aber außen, vor den Läden, sehen aus, als würden sie sie bewachen. Zu bunte Schuhe. noch geschlossene Lädenrolläden, aufgeschreckt aus der bunten seelenvollen Exotik, weil auf einem steht mit silbernem Gaffer geklebt Hitler. Stolpern beim zu Fuß gehen über Schlaglöcher. Hitler, ich ahne, den können sie nicht nicht mögen. Hatte der nicht was gegen die Juden gehabt? Man müßte mehr richtigstellen. Bilder zeigen von KZs ? – Schnell ins nächste Taxi springen hinter Dieb her (was so viel wie Wolf heißt und bestimmt anders geschrieben wird); erschrocken, dass auch er, er der so offen und bedacht wirkt, darauf beharrt: Hitler habe nicht do viele Juden „verbrannt“, wie man sagt. Und wenn, dann seien es die Juden gewesne, die ihn dazu gebracht hätten, dies zu tun. – dies? Was ist dies? So genau weiß er das nicht. Kinderschaufensterpuppen mit abgeblätterten Wangen und Gruselfilmaugen. die Verschleierung verstärkt den Horror.

Die Städte gehen in eineander über. Djabalia sieht bunter aus, zusammengeflickter, chaotischer, ärmer, trotz vieler Läden. Gaza. Aus Lautsprechern schimpfen Stimmen, von denen ich denke, dass sie Politisches von sich geben. Werde aufgeklärt, dass da Eier angepriesen wurden. Dann das Ziel: Das Theater Al-Mishal. Erinnerte mich an die Volksbühne, aber kleiner und steht nicht frei, sondern es ist ein Eckhaus. Eckhaus mit rundlicher Fassade. weiter hinten leuchtet das giftige Meer.

Hierhin bringe ich meinen Beamer. Ins Theater. Nicht ins Meer.

Dieb, man schreibt es Deeb, sachlich begeistert von der Beamer-Gabe. vor allem von der Extra-Lampe. Ersatzlampen wären nie zu bekommen, so bedeutet eine Zweit-Lampe viel! Würde ihn gerne ausprobieren, den Beamer. Aber es gibt keine Elektrizität. Vielleicht gegen zehn, vielleicht erst am Abend ist wieder Strom. Die Bühne zu sehen ist eher ein sich Herantasten an eine Ahnung, dass es eine große Bühne ist, sehe vom Rang herab in die Finsternis. Die winzige Taschenlampe versendet ihr kaltes LED-Licht in tiefe Finsternis.Stattdessen geredet. Kaffe getrunken. Tee. Kaffee aus kleinen Pappbecherchen. Was wollen wir? Was können wir? Jamal mag Brecht! Wer hätte das gedacht. Dass hier Brecht bekannt ist! „Herr Puntila und sein Knecht Matti“. Was würde Hamas dazu sagen, wenn er hier ein Stück inszenierte, in der die Obrigkeit sich nur menschlich verhält, wenn sie besoffen ist? Wäre es eine Aufforderung: Trinkt! Dann mögen wir euch auch! Überlege immer noch wem ich die Flasche Wein schenken könnte, die ich als Mitbringsel to whom it may concern im Koffer habe. Den Shomars nicht! Vater ist so rekigiös, dass er mir nicht die Hand gab. Hatte es nicht vermutet und sie mir einfach geschnappt. Als ich die Gebetskette spürte und die sich verkrampfende Hand, bin ich erschrocken. Behutsamer werden. Nicht nur Hamas gibt Frauen nicht die Hände!

[…]

Im Theater viel geredet. Von der Straße tönt wieder der Eierverkäufer herauf. Jamal muss weg, zum Ministerium, weil die Hamas was wissen willen. Es passiert so schnell, dass ich es erst als unhöfliche vollendete Tatsache empfinde. Haben die verpeilt, dass sie einen Termin haben? Kann ich nicht mit? Dann verstanden, dass es ein Order war. Ging es um meine Einreise? Vorsprechen bei der Sicherheit. Sollte ich dann nicht mit? DIE HAMAS endlich mal konkret sehen. von Mensch zu Mensch. nicht die Hand reichen, ich weiß, dann entweiht man die Männer. Aber mal vorbeischauen… – ich soll aber nicht mit, sagt Jamal. es dauert bis er wieder kommt. der Hamas passt nicht, dass ich bei Leuten privat wohne. ich soll lieber in ein Hotel, finden sie. (Nämlich eins, das ihnen gehört und teuer ist!). Nicht der Rede wert, sagt Jamal. Jamals, der in Gaza bekannt ist, als Schauspieler, als Regisseur und dafür, dass die Hamas in gefoltert hat. nicht im Gesicht, denn das hätte man gesehen, sondern am Hintern, am Rücken, weiß nicht so genau wo. Unzter der Gürtellinie. Als er wieder frei war, gab er eine Pressekonferenz bei der er die Hosen runterließ ,um zu zeigen, was wirkich passiert ist. Hat ihm irgendwie den Nimbus Narrenfreiheit eingebracht. Kein Hofnarr ist er. Aber man läßt ihn machen. Unter Aufsicht. Unter Vorbehalt. Jemand nicht mit einer Kneifzange anfassen wollen…

Aufzeichnung eines Stückes von ihm gesehen. ging um Frauenrechte! Geschichten über Schwestern, deren Bruder ihr das Erbe nicht auszahlt. Eine Frau, die nicht den heiraten darf, den sie will, eine andere… – dazu kamen wir nicht mehr. Dauernd klingeln Handies. Alle haben Super-Smartphones. Mein Uralt-Nokia ist mickrig. Aber es ist ja klar, dass hier alle gescheite Handys brauchen. Es ist der einzige Draht zur Welt.

Immer noch ist der Projektor nicht ausprobiert worden. weiter geredet. Gestern war noch die Idee: Brecht, Herr Puntila und sein Knecht Matti, heute steht plötzlich der alte Mann und das Meer im Raum.

Naheliegenderweise zum Meer gegangen. gesessen an einem Tisch mit Plastikstühlen, die aber ausgetauscht wurden, es kam was Besseres mit Kissen. hinten steht ein Boot auf einem Felsen, das ist aber zum Drin-Sitzen und Essen. keine Tourifalle, denn es gibt ja keine Touristen. Man setzt sich da hin und über der Klippe ragt man ins Meer, das nicht befahren werden darf (nur dreieinhalb Kilometer weit), viele Boote, entlang der Richtlinie, nicht viele Fische. Was mag Hemingways alter Mann rausziehen aus dem giftigen Meer, so nah am Land? Hier wäre er doppelt angeschissen, weil der große Fisch vielleicht erst nach Kilometer 3,6 zu fangen ist. Weil er sich begnügen muss mit alten Schuhen, radioaktiven Abfällen, mit nichts… Es bleibt der an die Wand geworfene Traum vom gigantischen Schwertfisch, der das Leben ändert, von Fisch, der ein “guter Fisch” ist. aber am Ende ist man doch verflucht. Selbst der Traum vom Fisch ist am Ende der Kampf mit dem gegebenen Rest. wir sitzen in der Sonne, die nur nach und nach von schütteren Schäfchenwolken verschleiert ist. hinter mir ein solides Restaurant, so weit weg, dass man vergessen kann, dass es dazu gehört zum Sitzen am Meer. daneben ein anderes, Restaurant steht auf einer von vielen Planen, es ist wie ein Patchworkzelt aus Bauplanen. Vor mir das Meer, das links unter mir schon zur Müllhalde wird. verschleierte Frau steht und starrt lange hinaus aufs Wasser. Baden dürfen nur Männer, aber angeblich ist ja Winter. Wenn Frauen baden wollen, dann gehen sie Nachts ins Wasser. vielleicht sollte man gar nicht ins Wasser gehen, wenn es so giftig ist.

Es wird kühler. schlräg hinten an der Straße stehen drei Halbwüchsige. zwei von ihnen bedrohen den dritten, einer fuchtelt mit einem Stock, schlägt noch nicht zu. Der andere steht daneben und guckt ob einer guckt. Impuls einzugreifen – dann doch nur die Kamera gezückt. Frau schimpft die Kungen wird aber nicht beachtet. Deeb schlendert hin und belehrt die Jungs dann doch. Richtig zu greifen scheint es nicht. immer noch steht die verschleierte Frau am Ufer. Jamal telefoniert. Ernest Hemingway im Gazastreifen. er wäre bestimmt hier auch mal vorbeigeschneit. hätte sich auf dem israelischen Pressebüro in Jerusalem seine GPO-Card abgeholt (er hätte einen Kaffe bekommen, ganz sicher!), und wäre dann rübergefahren, den Rattenkäfiggittergang entlang an den Mauerstücken vorbei gedüst, auf einem Toctoc hätte man ihn und seinen Koffer gefahren. Oder wäre er ohne Gepäck gefahren? Es hatte mich mal beeindruckt, dass er einfach so in den spanischen Bürgerkrieg aufgebrochen war. Man muss nur losgehen. Aus der Komfortzone raus, nur die Fahrkarte in der der Manteltasche den Pass und den Schreibblock. Selbst ein Koffer ist bereits zu viel Altlast und Bequemlichkeit. –

Völliger Bockmist! Natürlich braucht man einen Koffer. Hatte Hemingway keine Geschenke mitgebrachht nach Spanien? Keinen Zaubermanteil, keine Arznei für die verwundeten? Reicht die dicke Brieftasche? Aber wahrscheinlich hätte er, Machomann, sich nicht davon abhalten lassen zur Hamas zu gehen. Kräftiger Handschlag. Und er wäre auch, da bin ich sicher, der schwarzen Rauchwolke nachgegangen, die unweit von Jamals zukünftigem Kulturzentrum, Cafe und Kino emporstieg. Hinfahren, nachsehen! Es war eine große Wolke, man sah ihn, als ich fragte, was da passiert sein mag? Aber keiner wollte hin. Es war mir peinlich, die Schaulustige zu sein. es wird wohl keine Rakete von drüben gewesen sein. eher ein Bombentest der Hamas. Es sagen fast alle, dass der Krieg wieder in der Luft liegt.

Rückweg in Etappen. kleine Galerie voller Männer, die mir alle als Hammad vorgestellt wurden. Der dessen Bilder mir am besten gefielen, erhob sich und zeigte mir sein Atelier. Die Hamas interessiert sich nicht mehr so sehr für Bilderverbote. Künstler dürfen ausstellen. so lange die Bilder nicht in der Stadt selbst ins Auge springen. sie haben anderes zu tun. das bedeutet ein bißchen mehr Freiheit. Nicht zu verwechseln mit Freizügigkeit.

Der Pressespecher der Grenzbehörde in Rafah, ein Mann um die 50 mit silbrigem Stoppelhaar, sagt “der Feind ist nicht Israel oder Ägypten, der Feind ist die Armut.” er hat den schweren Job, dauernd schlechte Nachrichten zu überbringen: dass die Grenze zu ist. wieder. immer noch. Hoffnung hat er wenig, wirkt aber ausgesprochen freundlich.

langer Heimweg. süßes rätselhaftes Essen. eiegntlich zu müde, aber doch über Hitler gesprochen. Erst nach dem Laden gefragt. Jetzt in der Nacht, ist er geöffnet und der Nameszug springt in Auge. Es ist ein Klamottenladen. Schaufensterpuppem stehen draußen, kahle Köpfe. Skinheads. Es leuchten die Buchstaben in bösem Rot. Deeb glaubt nicht, dass Hitler so viele Juden getötet hat. Und wenn…. dann müssen es die Juden gewesen sein, die Hitler dazu gebracht haben. Bin erschrocken. Deeb ist doch mein Held. Der einzige, der die Schläger-Bälger zur Räson zu bringen versucht hat. Er weiß nichts über die Shoa! Ein gebildeter, grundsätzlich offener neugieriger Mann.

Weiteres Familienmitglied kennengelernt (diesmal in echt, gestern diverse per Skype). sehr freundlicher und interessanter Onkel mit sanfter Stimme. Familienvater, älter. Aber wirkt jung.. Sitzen in der Sitzgruppe und natürlich gab es wieder essen. Mehr oder wenig fütterte man mich. Ich glaube die Mutter war gestern doch verschnupft, weil ich nicht zum essen da war. Hatte extra Fisch gekauft (aber vergessen, mir das mitzuteilen. Was wurde aus: kannst hier schlafen, aber mehr auch nicht. Müde. Lost in translation. die Nichte übersetzt leidenchaftlich. liebt Tschechow. Den Mund öffnen zum sprechen, aber dann landen auch Früchte darin, A. füttert mich mit, kocht Tee. Multitask und mädchenhaft. Nachts als auch der Vater da war, Führung durch den Garten. Zirtronen, die man essen kann, ganz! Miniaturen, üß und sauer zugleich. falle ins Bett. aber weil es Strom gab doch lange geschrieben.

Sderot, 19. Februar 2018

Ich war in der Stadt Sderot gelandet, über die ich in meinem (noch nicht fertigen) Roman so viel geschrieben habe, ohne sie zu kennen. Ich hatte damals vor 3 Jahren schon dort sein wollen, aber es gab kein Hotel. – Es gibt immer noch keins! Reingefallen auf Google, das wenn man Hotel und Sderot eingibt sofort auf eine seite verweist, die angeblich Hotels in Sderot anbietet. Wenn man buchen will, lösen sie sich in Luft auf oder befinden sich stattdessen 40 km weiter in Ashkelon. Nach Sderot kommt man nicht. Da will keiner hin. Zu nah an Gaza – ältere Frau namens Estelle sagt, es würden immer noch Raketen fliegen, jeden Tag. Junger Mann namens Jan mit Mutter aus Irkutzk sagt, nein, seit 2 Jahren sei es ruhiger geworden. Allerdings just heute sei eine Rakete eingeschlagen. “I don’t care” sagt er. Das sagt er übrigens öfters.

Bomb Shelter Häuschen, wie Bushaltestellen. Darin schlafen. Aber das rote Auge der Kamera leuchtet böse. Unwohl gefühlt. Darf man das? Hier schlafen? Oder nur wenn es Alarm gibt? Fehl am Platz gefühlt und wieder rausgegangen. noch unwohlergefühlt, weil ich dachte, die, die mich nach so kurzer Zeit wieder rausgehen gesehen haben, müssten denken, ich hätte den Schutzraum als Klo benutzt. Hatte ich natürlich nicht.

Ins Kino gegangen. Spätvorstellung. Müde und erschöpft, weil ich nicht über die Grenze gekommen war, aber auch nicht zurück nach Tel Aviv wollte oder in die nächste STadt MIT Hotel, Ashkelon. Kenn ich schon. letztes Mal. Frustrierend! Ausgrabungsstädten hin oder her. unwohl gefühlt in brandneuem Hotel in russischem Schick. Teuer. Einziger Gast gewesen. Nicht nochmal! Plan war, im Kino zu schlafen während einem hebräischen Film, dessen SPrache ich nicht verstehe und deshalb dem weißen Rauschen der fremden SPrache anheimfalle. War aber Hollywood-Familien-Film mit Owen Wilson und Julia Roberts. Doch hingesehen und wach geblieben. wunderschönes Kino. “Cinemathek Sderot” nicht zu verwechseln mit Cinema Sderot. Gibt man das bei Google ein, sieht man die Einheimischen 2014 auf einem Hügel sitzen und mit Feldstechern Raketen gucken, die in Gaza einschlagen.

Morgens sehr früh, zerschlagen von der schlaflosen Nacht zur Grenze.

Einreise. Gaza.

Beinahe wieder gescheitert am Zustand meines Passes. zu schlimmer Zustand, unordentlich, unmöglich – der fiele ja gleich auseinander. „Ausnahmsweise“ ließ man mich reisen, aber ich musste versprechen ordentlicher zu werden und in Deutschland einen neuen zu beantragen. was soll man da sagen. “ja, klar. ja doch!”. kam aber nicht umhin an das verwechselte “V” und “Y” zu denken. das ist ja auch nicht soo ordentlich!

Grenzübertritt in eine andere Welt.

Die andere Seite vom Grenzübergang Erez heißt Beit Hanoun. Staubig. In den Sandgesetzte Grenzcontainer. Warum will diesmal keiner meinen Pass sehen? Hier an diesem Kontrollpunkt bin ich im 2014 abgewiesen worden, weil ich nicht auf der Willkommensliste der Hamas stand. Natürlich nicht. Ich hatte nicht gewußt, dass man da auf eine Liste muß. Hatte nur gedacht, dass die israelische Seite die Hürde ist.

Früher als gedacht also drüben angekommen. Auch um das Kaffewägelchen eines alten Kaffeeverkäufers einen Bogen machen gewollt, aber das war klar, dass das nicht geht. Man kann die Hamas ignorieren, aber nicht den alten Kaffemann mit den kleinen Pappbechern, mit dem schwarzkrümeligen Kardamon-Gebräu, das er mir jetzt sogar Gratis einschenkt. Geld geben gewollt. Nein! Wollte er nicht. Ich sitze, warte in der Sonne. Gegenüber auf der Kreuzung ist noch eine Art Kontrollkabine. Aufgebockt, improvisiert, als könne man Verkehrskontrollen von da aus machen. Sie ist leer. Dahinter aber, wie ein Abenteuerspielplatz-Versteck mit Militär-Tarn-Plane starren Männer aus einem Verschlag aus Stein. Foto gemacht.

Noch einen Kaffe getrunken, diesmal bezahlt. Taxis abgewimmelt, die aber dann doch aufgeregt waren, weil mich doch jemand abholen muß. „die kommen schon, die Theaterleute!“ ich genieße die Ruhe, die Sonne. Dann beschwerte sich doch noch wer, wegen des Fotos. Zurück zur Grenzkontrolle gemußt, das Foto löschen. Einen Pass wollte dann doch keiner sehen. All das Militär…. Hamas-Security. Eienr grinste: Alle stünden sie bereit, ganz zu meinen Diensten.

Witzbold.

Dann kam das Auto. Jamal zierlicher, dünner als ich ihn mir vorgestellt habe, aber mit dem selbem Lachen, Alia, seine Assistentin mit Blumenstrauß. Eintauchen in die Wucht der Gastfreundschaft.

Viel. Meer. leider ist jetzt der Akku alle.

Und es gibt keinen Strom. aber sonst ist alles sehr schön in der anderen Welt. Marhaba. Müde falle ich in weiche magentafarbene Betten, in Plüsch-Wolldecken. Mädchenzimmer. Und in eine Woge von Willkommen.

***

Warum bestehen alle darauf, dass ich so einen warmen Fließ-Pyjama anziehen soll? Weil Winter ist? Es ist so warm wie im Mai! Geschwitzt unter dem Wolldeckenberg. Zwei Betten im Mädchenzimmer der Shomars, eins ist jetzt meins. Die Englisch-sprechende Tochter muss jetzt am Boden zwischen den Betten liegen. Schlechtes Geissen, aber sie besteht darauf. Durst in der Nacht. Aufs Klo gemusst. Nicht aus der Leitung trinken! Aber Trinkwasser nicht gefunden. Reihum alle müssen aufs Klo. Es ist al ob immer einer wach ist. Die Hähne sind es auf alle Fälle. sie krähen zu oft, es ist erst eins! Wirrer Traum. Das Licht im Türspalt, Die Mutter, deren tiefe Stimme die Mädchen aus dem Zimmer zischt, als drohe Lebensgefahr… – zum Morgengebt! Es ist nicht mal vier! Ihr Abruf hatte etwas gefährliches, bedrohliche Heimlichkeit (aber aus dem Schlaf gerissen werden ist immer gefährlich!). Die Schwelle zum Irrsinn des Traums. Wirre Nacht. Als die Stimmen des Morgengebets von überall – auch aus dem Traum scheinen sie sich zu erheben – herübertönen bin ich endgültig wach. Vier Uhr morgens. Fühle mich behütet und „aufbewahrt“.

Tel Aviv, 18.Februar 2018

Mein Hostel ist klein und bunt. Es steht zwischen den großen Hotels gleich am Meer, aber ist billig. Nicht nur aus Geiz hier! Aber Schlecht geschlafen im Schlafsaal. Amerikanerinnen im Stockbett hinter mir waren nur wach laut, im Schlaf waren sie angenehm (im Wachen hatten sie nicht direkt Dummes von sich gegeben, aber sie wirkten unsagbar dämlich. Der schnarrende Klang ihrer Stimmen, Understatement-Sexy-Voice, wollen morgen ans Tote Meer, trotz Wind. Das werden sie bereuen. Hab aber nix gesagt). Neben mir Tatjana aus der Ukraine – bewohnt den Schlafsaal regelrecht. Stickt Täschchen mit Garn, das im Dunklen leuchtet für Chinesische Auftraggeber und zeigt sie morgen in Jerusalem. Es ist Kunst! Sagt sie. Nur verhaltenes Schnarchen ihrerseits, aber sie wacht oft auf und geht aufs Klo. Alle gehen aufs Klo reihum. Das ukrainische Stickwerk erleuchtet die Nacht. Abgründe. fremder Existenzen. Die Nacht rüttelte am Provisorischen Wellblech hinter den wehenden Vorhängen. Kein Blick aufs Meer. Aber das Meer ist da.

Träumte von Geigerzählern, die ausschlugen. Wahrschienlich wegen des Garns.

Im Super-Yuda eingekauft. hatte Zahnpasta gewollt, extra eine mit schönen Schriftzeichen. Entpuppte sich beim Zähneputzen als Rasiercreme.

Weil die Nacht so schlimm war, bin ich nicht so früh los, wie geplant. Nahm mir die Zeit zum Frühstück auf dem Dach des Beachfront-Hostels. Die stürmische See – auf der anderen Straßenseite beginnt das Meer und tobt; hinter mir die Tetris-Skyline: das Gebiß greift nicht mehr so recht. die Fassaden bröckeln, Krähne richten. Das Hostel ist ein kleines Bißchen, steckengeblieben zwischen den Zähnen.

Zugfahrt zum israelischen Pressebüro. Zug fährt nur bis Bet Schemesch, weil gerade “Probleme” sind. Welche wollte man nicht sagen und ich komme nichts ins Internet der Eisenbahn. Horror, den Weg nach Jerusalem-Malha zu finden. Das Hohenschönhausen Jerusalems. Und w a s ist passiert?

Nichts. Nichts schlimmes. Die Bahnlinie ist einfach im Pendelverkersmodus. Die Schienen sind im Ausbau. Durch das hügelige Land gefahren. Die Strecke kurz vor Jerusalem wirkt so grün und fruchtbar, der kleine Bach, Inbegriff von stiller Fruchtbarkeit! Es hatte mir aber mal einer erzählt, die Hügel seien Müllhalden und der Bach nur Abwasser. Egal. besser als gar kein Fluß. denn ein solcher fehlt in Jerusalem.

Jerusalem-Malha. Pressebüro. Türhüter mit winzigem Mützchen, sehr jung und sorgfältig, entdeckte, dass meine Passnummer falsch war.

“Wie… falsch…?”

“Nicht die selbe ID-Nummer wie auf dem Visum!” (das Visum ist ein kleines fahrkartenähnliches Papier, das die Aufenthaltsdauer nennt und so was wie ein schwarzweiß.miniaturfoto drauf hat und eben die Ausweisnummer. )

“That’s a why!”

“Why?” ich verstand ihn nicht. warum? warum wieder was falsch ist? warum ich hier bin??? ich bringe einen Beamer nach Gaza. Thats why!

“No! it’s a “y”

Aha. Da hat er aber gute Augen: Da wo in meinem Pass ein “V” steht, steht auf dem Visumkärtchen ein “Y”

Aber… why???

Er könne es sich nicht erklären. völlig rätselhaft.

Ich denke, da hat halt einer beim eintippen nicht richtig hingesehen. Kann doch vorkommen! Musterschüler-Security-Junge meinte aber, nein, könne es nicht, da würde keiner eintippen. das würde GESCANNT.

“Na und?” dann hat halt der Scanner nicht richtig hingesehen. kann ja auch mal passieren. Why not!

Humorlos.

Vor drei Jahren war hier ein netterer namens Eric, aus der Ukraine. Okay, da war ich aber auch so verzweifelt gewesen und saß stundenlang da, um den israelischen Presseausweis zu bekommen. Was blieb ihm übrig, als sich mit mir anzufreunden? Sehr religiöser Mensch, der aber dennoch meine Idee vom Multiversum dessen Summe aller Paralell-Universen eine Art computerspielender Gott ist, gut fand. Wo ist der jetzt? Und wo ist meine Sachbearbeiterin?

Als sie kam, war es dann doch recht schnell gegangen im Pressebüro. die blaue Karte, ohne die ich nicht nach Gaza kann, ausgehändigt bekommen. Musste nicht einmal rein in die Büroräume, auf die ich mich eigentlich schon gefreut hatte: einen Kaffe bekommen, ins Internet dürfen. Sehen ob die Sachbearbeiterin Vered doch wieder lächelt. manchmal wird sie ja weich. diesmal nicht. dabei hatte ich sie noch was fragen wollen. egal. wenigstens ging es schnell.

Zurück mit dem Zug durch das grüne Tal.

Trotzdem aufkommendes Unwohgefühl, weil mir wieder eingefallen war, was ich Vered hatte fragen wollen: ob die Grenze wirklich bis 19 Uhr aufhat. es kommen mir allmählich Zweifel. es steht zwar klar auf der Seite des COGAT: “Entrance to Israel 7:30-15:30; Entrance to Gaza: 7:30-19:00. aber irgendwie drängen sich Gedanken auf: was da abgeht zwischen 15:30-19:00 Uhr? können da Leute schon aus Gaza rüber (wenn sie überhaupt dürfen), aber nicht mehr nach Israel rein. hängen sie im Streifen zwischen Israel und Gazastreifen rum? Im Niemnds-Niemandsland, von dem eh niemand sagen kann, wessen Land es ist. Ist Israel eine Besatzungsmacht? Offiziell ja nicht? Aber offiziell sind ja auch die letzten Kriege keine gewesen, nur militärische Operationen.

Ich schreibe mal wieder dem COGAT. Betreff “one more stupid question”. Sie antworten auch wie immer gleich, dass ich wegen der Öffnungszeiten das Pressebüro fragen soll. Super. erfahrungsgemäß antwortet mir Vered aber nicht. Und wenn man anruft, geht nur ein Band ran, das hebräisch spricht. Da kommt der Zug. Wenn ich ihn nehme, komme ich fast bis zur Grenze. Oder doch zurück zum Hostel? Ein Tag mehr Beachfront und morgen auf der sicheren Seite sein mit dem Grenzgang. Ich wähle den Zug. Sitze neben einem älteren Herrn mit zu schwarz gefärbt-schütterem Haar. Herr Weinrauch. Zionist. früher richtiger, jetzt etwas weniger.

“Where are you from?” –

“Berlin” antworte ich und spreche es Englisch aus. “Böal(i)nn”.

“So so,” sagt er. “Da sind Sie aus Deutschland” – auf Deutsch sagt ers, mit leicht niederländischem Akzent. seine Eltern waren aus Polen gekommen, die Mutter habe in Berlin gelebt, der Vater in Hamburg, dann seien sie nach Düsseldorf gezogen (entzückend spricht er es aus, Duessssldoof!). Nie irgendwo zuhause gewesen – da kam das Dritte Reich. nach Holland sind sie gegangen, die Nazis ebenso. Nie weit genug weg gekommen:Belgien, Frankreich… – und überraschenderweise nach dem Krieg wieder zurück nach Berlin. Er sucht nach einem Begriff, ich schlage ihm vor: “zeitlebens aus dem Koffer gelebt”. Er stimmt zu, freut sich über das Wort „Koffer“. Lange nicht ausgesprochen. Ich sage, dass mich schon immer gewundert hat, dass es so viele Juden wieder zurückgezogen hat nach Deutschland. wie kann man in dieses Land zurück wollen. Er winkt ab, aber gibt mir eigentlich doch recht. Man habe die Juden nirgendwo so recht lieb haben wollen. Deshalb sei er hier. Nur hier könne man leben als Jude.

“und doch sind da so viel Probleme…” sage ich vorsichtig. aber so richtig Lust hat keiner von uns auf die Diskussion. wir belassen es dabei. trotzdem sagt er, er hoffe, dass ich nur Schönes über Israel schreibe.

Nun habe ich wieder Netz im Zug. Es hagelt Fragen per Facebook aus Gaza. wann ich komme, wo ich bin. ich hatte eiegntlich schon immer gesagt, dass es später nachmittag werden würde, aber irgendwie dachten sie wohl später nachmittag sei kurz nach eins. ich bin inzwischen fast sicher, dass es besser wäre, heute nicht nach Gaza zu gehen. Es geht alles so langsam und ich bin so müde… und der Zug hält schon wieder. wieso hab ich nicht den Bus genommen?! Es ist nicht zu schaffen bis 15:30. allerdings immer noch unklar, wann die Grenze nun dicht macht. Jamal in Gaza meint ganz sicher: 19:00. Inshallah. Seine Sicherheit ist überzeugend. Wissender Mentor. Alter Theatermann. In Gaza eine Legende. Ich hab ihn bisher nicht gesehen, nur pe facetime-Session, aber da sah ich nicht viel von ihm. Einen Moment lang ein breites Lächeln, hinreißend, weil der Spalt zwischen den Schneidezähnen, fast wie eine Lücke entgegensprang. Offensichtlich war er gerade unterwegs mit einer Tasse Tee in der Hand. Dann war der Ton weg und das Bild zeigte nur ein halbes Gesicht und die Tasse Tee. Die schriftlichen Gespräche über Theater, über Gaza, über die Welt gingen jetzt über zwei Jahre. Glaube ihn shcon ewig zu kennen.

In den Zug nach Sderot gesprungen… Sderot. Die Stadt, in die keiner will. Taxi genommen zur Grenze „Erez-Crossing“. Die lange Fahrt, denn so nah Sderot auch an Gaza ist, der Übergang ist weit. Dahingerast Anhöhe mit Bäumen, die Sonne ging unter in mildem WOlkenlicht. ein kalter Tag geht zu ende… das Taxi setzt mich ab. Da liegt der große Flughavenartige Bau wie ein ein Bauklotz ins Brachland gefallen aus heiterem Himmel. Und Natürlich, natürlich bin ich zu spät. Nicht einmal aufs Gelände komme ich. Das kleine Passierhäuschen mit Schranke ist besetzt, eingelassen werde ich heute nicht. Wäre gerne hier geblieben. Durchwachte Nacht auf der Bank, aber die Taxifahrer umschwirren mich. Kein Gedanke. Nach Tel Avon f+hre man mich nur zu gerne, nach Jerusalem gar, nach Ashkelon. Wut über idiotisches Hin-Und-Her. Ich bleibe. Wenn nicht am Grenzpunkt, dann höchstens zurück nach Sderot.

Berlin, 17.Februar 2018

Der Zug ist da. Die blauen Funken schlagen ein, zwischen Schiene und Bahn, ein auf mein Herz in hohem Bogen. Initialzündung. Ich reise.
Ich war so früh aufgebrochen, aber hatte vergessen, mir Geld zu überweisen auf die Kreditkarte; als ich wieder zum Gate sah, das noch leer war, bevor ich mich im last-minute-online-banking verlor, sich wanden die Schlangen der Reisenden schon überall. Die Unlogik der Gate-Zahlen, die seltsame Linienführung der Absperrbänder. Mehrfach vermeintlich falsch gestande, in Wahrheit aber doch richtig. Von neuem das Ende der Schlange gesucht. Alle sehen jüdisch aus. Darf man das sagen?

Die Frau bei der Securitiy in Tegel war so nett… Kompliment bekommen über die Kette. Nun doch froh gewesen, dass ich mich schön anhezogen hatte. Es war nämlich schwierig gewesen, das Packen.

Tag zu vor, 16.Februar 2018

Nimm diesmal den großen Rollkoffer, hatte ich mir vorgenommen: dann musst du nicht alles zusammenquetschen und dir Sorgen machen, was Hussein da wohl für ein Geschenkpaket mitgeben wollen wird für seine Familie. Hussein lebt in Deutschland, seine Eltern und Schwestern sind noch in Gaza. Er glaubt, nicht dass er sie nochmal sehen wird. Seltsame Vorstellung, dass ich bei mir fremden Leuten wohnen darf, Geschenke mitbringe, die nicht von mir sind. Es war die Rede von einem Mantel für die Mutter, Arznei für den Vater. Was wenn es ein dicker Lodenmantel ist? Das Paket kam in letzter Minute. Aber immer ist alles letzte Minute. In letzter Minute den großen Koffer aus dem Keller geholt. Holen gewollt. Nicht gefunden. Womöglich ist er in Irland geblieben im letzten Jahr. Grund, nochmal hinzufahren. Sehnsucht. Koffer in Cork, Ich hab noch einen… Und in Berlin nur das kleine Rollköfferchen. Das packe ich also; ich nehme mit:

Fürs Theater: Einen Beamer.

einen durchsichtigen Vorhang auf den man Bilder werfen kann.

Eine Beamerlampe.

Für mich: fünfzehn Unterhosen. Einen Bikini (aber nur für Tel Aviv)

Feuchttücher, weil es oft kein Klopapier gibt, weil es oft kein Wasser gibt.

Nicht ausgeschnittene Hemden, zwei Jeans, ein Tuch, falls es doch bsser sein sollte, sich zu verschleiern. Mein Motorrad-Kapuzenteil. (kann auch zum verschleiern dienen).

für wen auch immer:

Schokolade, noch mehr Schokolade.

Ein Stück von der Berliner Mauer. (ich dachte, das könnte Hoffnung machen)

Atrose-Medizin, Vitamine,

Schokolade, noch mehr Schokolade.

Für die Shomars, bei denen ich erstmal unterkommen werde:

Einen Mantel.

Atrose-Medizin,

Vitamine.

Apotheke auf Rädern!

Den Beamer ins Handgepäck, das war eh klar. Die Wahl war auf den kleinen Optomo gefallen, eben weil er Easyjet-Handgepäcksmaße hat.

Und weil dagegen der Mantel für die Mutter doch sehr auftrug, eigentlich den ganzen Koffer füllte, hatte ich überlegt, ihn einfach anzuziehen. Aber dann sitzt man im Flugzeug nach Tel Aviv wie eine muslimische Mama. Weit war er. Weich war er. Ich werde aussehen wie ein geschrumpfter Zauberer. Sah mich schon durch die Sicherhet schweben und – irgendwie daneben – auf dem Boden der Tatsachen landen.. Dass ich immer irgendwie auffallen werde. Oder will ich das?

Nein. Ich stopfe das Stoffungetüm doch in den Rollkoffer. Aber dann passte die Beamerlampe nicht mehr hinein. Also doch anziehen. Kostümberatung der Tochter: Ja, doch auf alle Fälle Mantel anziehen! – Sieht gar nicht so schlecht aus. Zwar etwas schräg, aber wenn ich dazu die Sonnebrille aufsetze und versuche cool zu sein… (Ich weiß, wie ich bin, wenn ich versuche bei der israelischen Security cool zu wirken. Das geht schief. Letztes mal vier Stunden bei der Secuirity verbracht!) Inzwischen hatte die Tochter den Mantel ihrerseits schon angezogen. Er sieht tatsächlich nicht schlecht aus. Aber sie kann auch alles anziehen. Sie sieht immer schön aus. Wir standen in unserer kalten Wohnung vor dem Spiegel. Warm. Weich. Anbehalten. Gar nicht erst losfahren…

17. Februar, 2018

Und nun hatte ich also den Mantel doch nicht an. Die Tochter hatte ihn eingerollt und der Reißverschluß des Koffers war irgendwie doch zugegangen. Kompliment bekommen von der Securityfrau (wegen H&MKette). Und die andere, die mich dann doch rauswinkte (wegen des Beamers) war auch nett gewesen. Und der Check-In-Typ Am Gate lachte so sympathisch über meinen Reisepass, der so alt ist und abgegriffen war. Ich will keinen neuen wegen der vielen Stempel darin, auch wenn sie teilweise Ärger verursachen (Israel 2014: „Wann waren Sie in Ägypten? Wo und warum? Allinclusive Urlaub??? Und genau zur Zeit des arabischen Frühlings?“). In Tegel sind alle nett. Man sollte Tegel nicht schließen.

Wie wird es in Tel Aviv-Ben-Gurion? israelische Flughafen Security kostete mich die letzten Male jeweils einen ganzen Tage. Okay – ich hätte vielleicht meinen Schlafsack damals überprüfen sollen, der wurde (vom Sohn? Von der Tochter?) Camping Ostern an der Ostsee das letzte Mal benutzt. Hartgekochte Eier, auch wenn sie bemalt sind halten sich nicht 4 Monate lang und könnten als Biowaffen mißverstanden werden oder als Affron.

Diesmal hielt mich niemand auf. Seltsam. Sich beim Cogat (militärisches Koordinationsbüro) angemeldet zu haben ist vielleicht doch gut.

Sitze nun aber doch fest. Zwar diesmal keine Zeit verloren am Flughafen, aber es ist Sabbat. Der nächste Zug fährt erst nach Sonnenuntergang. In 2 Stunden! Nur teure Taxen fahren. Vom Geiz gepackt – kein Geld in Israel ausgeben! Es für Gaza aufbewahren! Sitze ich auf den Plastikschalensitzen und warte. Keiner am Israel-Sim-Card-Tresen. Kein wifi am Flughafen Ben Gurion. Stellen sie auch das Internet aus am Sabbat? Hätte mich mit eines Dan Soderbargers I-phone verbinden können, wollte aber nicht. Jetzt ist doch WIFI!

Und schließlich doch Taxi genommen. Teilte eins mit einer Dozentin für Criminal law, die zum Carlton fuhr wegen einer Korruptions-Konferenz (also Anti-Korruptions-Symposium). Sie sagte, hier sähe es aus wie in Brasilien. Vom Carlton aus zu Fuß am Strand entlang. Die Skyline von Tel Aviv gegenüber von wild-brausendem Meer, Wind der mir entgegenstürmte. Großartig. Den Rollkoffer den Rest zu meinem Hotel getragen am Strand entlang. So stürmich sah ich das Meer hier noch nie. Mein Herz rast. Das alte Tel Aviv glänzte in der Ferne hinter grau-blauen Wolkentürmen. Sehr schön. Fast schöner als in der gemutmaßten Frühlingshitze.

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